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C/2002 C1, Komet Ikeya-Zhang
Franz Conrad, Hugo Jost, Gerhart Klaus

 
 

Ein weiterer Arbeitstag neigt sich dem Ende zu. Na, wenigstens warten Frau und Kind auf mich. Ach ja, Post habe ich auch bekommen. Die Handschrift auf dem Umschlag kommt mir so bekannt vor. Ja klar, Gerhart Klaus hat mir geschrieben. Dann kann es sich eigentlich nur um eine Nova oder einen Kometen handeln.

Tatsächlich, nebst einer kurzen Notiz ist ein voll gedrucktes Blatt mit den Ephemeriden eines Kometen dabei. Rasch überfliege ich die Zahlenreihen. Nun ja, vierte Grösse ist doch schon mal vielversprechend. Aber die Position scheint mir doch recht nahe am Horizont zu sein. Rasch starte ich ein Astroprogramm auf und überprüfe die Daten. Wie vermutet schleicht sich der Komet in der Dämmerung am Horizont herum. Na, einen Versuch am nächsten schönen Abend ist er (der Komet, nicht der Horizont) sicher wert.

Ein paar Abende später ist es soweit: Der Himmel ist fast klar. Schnell noch die aktuellsten Ephemeriden aus dem Internet geholt und los. Leider halten ja die Kometen (wie auch die Kleinplaneten) nicht viel von geordneter kreisförmiger Bewegung um die Sonne; sie bewegen sich zum Teil recht schnell zwischen den Sternen. Man muss daher während der Belichtung dem Kometen folgen, will man scharfe Bilder erzielen.

Leider sind die Kometenkerne vielfach diffus, also nicht scharf begrenzt, so dass man an ihnen schlecht nachführen kann. Wenn man aber die Bewegung des Kometen kennt, kann man einen Leitstern in der Nähe des Kometen suchen und diesen im Fadenkreuz entgegen der Kometenbewegung (mit der gleichen Geschwindigkeit) verschieben.

Glücklicherweise habe ich vor einiger Zeit in Excel ein paar Formeln zusammengestellt. Da kann man die jeweiligen Positionen an zwei Daten eingeben. Damit berechnet das Programm die Bewegung des Kometen zwischen den Sternen und die nötigen Korrekturen. So, schon spuckt der Drucker die Resultate aus.

Na so was! Nach meinem Gefühl scheint die Bewegung in Rektaszension zu gross berechnet. Ich schätze sie daher nahe bei null und beschliesse, nur in Deklination zu korrigieren, falls ich nicht direkt am Kometenkern nachführen kann. Diesen "Bschiss" wird ja sowieso niemand merken. Gemäss den Daten ist Ikeya - Zhang momentan 117 Millionen Kilometer von der Erde und 75 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt.

Rasch verzehre ich noch ein paar Bissen und mache mich auf den Weg in die Sternwarte. Oben angekommen bereite ich schon alles vor. Bei der geringen Höhe über dem Horizont fällt meine Wahl auf Fujifilm. Die Belichtung in der Dämmerung dürfte fünf Minuten

wohl nicht übersteigen. Vorsichtig befestige ich die Kassette mit dem Film im Tubus der Schmidt Kamera und schliesse die Abdeckungen wieder. So, nun geht es darum, den Kometen zu suchen. Sorgfältig richte ich die Schmidt Kamera auf die in der Ephemeride angegebene Position aus. Ein Nebelfleck vierter Grösse müsste im Sucher eigentlich unübersehbar sein. Da ist was. Schwach zwar, sehr schwach, aber tatsächlich vorhanden. Und ist dieses schwache Glimmen der Ansatz des Schweifs? Ist es überhaupt das richtige Ziel?

Zum Überlegen bleibt keine Zeit: das Objekt und mit ihm das Instrument bewegt sich langsam, aber unerbittlich auf den Horizont zu. Ich wähle einen Stern in der nächsten Umgebung des Kometen als Leitstern aus. Gemäss meinen Berechnungen muss ich dann alle 95 Sekunden einen halben Teilstrich (einen halben Zehntel Millimeter) korrigieren. Ich drehe das Messokular in seiner Hülse, bis die Ausrichtung stimmt und der Stern zentriert ist. Ich stelle den einen elektronischen Küchenwecker auf 95 Sekunden, den anderen auf fünf Minuten. So, nun noch einmal tief durchgeatmet und in aller Ruhe alle wichtigen Punkte kontrolliert. Also dann los!

Behutsam entferne ich den Deckel von der Filmkassette, um ja keine Erschütterungen zu erzeugen. Rasch starte ich die Uhren und nehme meine Position am Nachführfernrohr ein. Leise summt der Nachführmotor der Kamera, und ein leichter Wind lässt den Leitstern im Okular tänzeln. Dies ist die Phase, in der die Hektik des Tages vergessen ist und sich die Aufmerksamkeit ganz auf den leuchtenden Punkt im Messokular konzentriert.

Jäh wird nach eineinhalb Minuten die Ruhe durch den einen Wecker unterbrochen. Rasch starte ich ihn neu und verschiebe den Leitstern um einen halben Teilstrich nach Süden. Dieser Vorgang wiederholt sich, bis schliesslich der zweite Wecker ebenfalls piepst.

Vorsichtig drücke ich nun den Deckel wieder auf die Filmkassette und entferne sie aus der Kamera. In der Dunkelkammer wird der Film entfernt und die Kassette gleich neu geladen. Zur Sicherheit belichte ich eine zweite und eine dritte Aufnahme, bis schliesslich die Bedingungen zu schlecht werden und nicht einmal mehr der Leitstern sichtbar ist.

Voller Gedanken mache ich mich auf den Heimweg, die belichteten Filme in der Tasche.
Am nächsten Tag kann ich es kaum erwarten, die entwickelten Dias unter der Lupe zu begutachten. Und da ist er, der kleine aber feine Komet Ikeya - Zhang. Ein feiner, detailreicher Schweif ziert seinen kleinen Kopf. Vom Aussehen im Sucher hätte ich nie gedacht, dass er ein so schöner kleiner Kerl ist. 

Am Abend muss ich es dann doch loswerden: Ich rufe Gerhart an und schildere ihm voller Begeisterung den kleinen Kometen. Gerhart möchte die Dias auch sehen, und so verabreden wir uns für den nächsten Abend. Kaum habe ich den Hörer aufgelegt, klingelt das Telefon. Es ist Gerhart. Meine Beschreibung hat ihm keine Ruhe gelassen, und so sitzt er zehn Minuten später vor dem Leuchtpult und bestaunt den Nebelfleck im Vergrösserungsglas.

Nach nervenzehrendem Feilschen erbettelt er sich schliesslich das beste Originaldia, um es zu vergrössern. Ich ringe ihm das Versprechen ab, das Dia am nächsten Abend zurückzubringen. Natürlich weiss ich, dass er das tun wird. Und ebenso weiss ich, dass er die Aufnahme mit der grössten Sorgfalt behandeln wird. So ist es natürlich auch. Pünktlich am nächsten Abend steht Gerhart mit Original und Vergrösserung wieder vor der Tür (siehe folgende Seite). Mit leisem Vorwurf in der Stimme zeigt er mir meinen Fehler in der Nachführrichtung. Ich hätte es wissen müssen! Mit roten Ohren gestehe ich ihm meine kleine Schummelei und verspreche hoch und heilig, dass so was nie mehr vorkom-men wird und dass ich in Zukunft meinen eigenen Berechnungen mehr Glauben schenken werde. < Franz Conrad >
 

 

 

 

 

 

 

 

Scheinbare Bewegung eines Kometen 
zwischen den Sternen

 

 

 

Bewegung eines Leitsterns im Messokular

 

 

 



Komet C/2002 C1 (Ikeya-Zhang) 
vom 9.3.2002 - 8.4.2001

 

 
  Astronomie ist ein Hobby, bei welchem sich nun einfach absolut nichts planen lässt. Da nehme ich mir vor, im Frühling Jupiter ausgiebig mit der CCD zu fotografieren und auch sonst noch so ein paar schon lange aufgeschobene Fotosafaries zu erledigen und was passiert: Komet Ikeya Zhang taucht völlig ungeplant auf. 

Also heisst es wieder mal, alle Pläne zu ändern, denn ein Komet ist was, das ich mir nie entgehen lasse. Die Pläne sind rasch gemacht und so beschliessen Gerhart, Franz und ich, jede noch so kleine Möglichkeit zu nutzen, um den Kometen fotografisch einzufangen.

Einfach wird es nicht! Der Komet bewegt sich recht rasch und die Zeit zwischen Dämmerung und Untergang des Kometen ist arg kurz. Dazu kommt der ewige Ärger mit der riesigen Strassenlampe, Mond genannt, und auch das Wetter ist uns nur ab und zu wohl gesonnen. Nichts desto trotz schiessen wir rund 25 Scharz-Weiss und Farbaufnahmen mit der Schmidt Kamera (300/400/1000) der Jurasternwarte sowie CCD Aufnahmen mit unserem Baby Newton (3,5/500). Gerhart verwendet zusätzlich seine Schmidt (200/220/300) in Puimichel. < Hugo Jost  >
 

Was bedeutet das Wort "Komet"? 

Das Wort "Komet" ist vom griechischen "kometes" abgeleitet und bedeutet 
"langhaariger Stern" oder "Haarstern".

 
 

 
  11.3.2002, 20:00 Uhr, Schmidt Kamera Jurasternwarte 300/400/1000 
< Franz Conrad >

Dieselbe Aufnahme wie oben als Positiv vergrössert.  
< Franz Conrad >

 
 
 

 
 
1.4.2002, 21:35 Uhr, Schmidt Kamera Jurasternwarte 300/400/1000
< Hugo Jost >  


3.4.2002, 21:35, Schmidt Kamera Jurasternwarte 300/400/1000 
< Franz Conrad >
Komet Ikeya - Zhang besucht die Andromeda Galaxie (heller Fleck Rechts).

 
 

 
 


16.5.2002, 20:46, Schmidt Kamera 200/220/300
< Gerhart Klaus >
Komet Ikeya Zhang beim Kugelsternhaufen M13 (heller Fleck links)  


30.5.2002, 22:25, Schmidt Kamera 200/220/300 < Gerhart Klaus >
S = Staubschweif / G = Gasschweif / 
U = Galaxie UGC 10020 14,5 mag

 
       
hugo jost

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