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Glass Widow
Theres Klaus, 2003

 
  Eine nostalgische Rückschau rings um die Entstehungsgeschichte der Jurasternwarte von Theres Klaus.

Diesen Titel muss ich erklären, weil er aus den USA stammt. In den 50er Jahren entwickelte sich das Selberschleifen von Fernrohrspiegeln zur Sucht. Die Männer beschäftigten sich monatelang damit, während ihre Frauen sich als Widows = Witwen fühlten. Das erlebte auch ich hautnah und könnte diesen Ausdruck leicht noch erweitern auf Teleskop- Widow. 
Geri erzählte mir, dass er mit 13 Jahren die deutsche Ausgabe von Newcombs "Astronomie für Jedermann" gelesen habe. Anschliessend bastelte er sein erstes Fernröhrchen aus Meccanoteilen, einer ausziehbaren Federschachtel, einem Brillenglas und dem Okular seines billigen Schülermikroskops. Damit waren immerhin schon die Mondkrater, die vier hellen Monde des Jupiters und andeutungsweise der Ring des Saturn zu erkennen.

Frisch verheiratet missbrauchte er unser zukünftiges Kinderzimmer als Atelier. In die Mitte stellte er eine hohe Kiste. Darauf schliff er seinen ersten optischen Spiegel nach dem Anleitungsbüchlein von Hans Rohr. Stunden-lang kreiste er um diesen "Tisch", schob zwei runde Glasscheiben aufeinander, mit Karborundum dazwischen und später die obere allein mit Polierrot auf einer präparierten Pechhaut hin und her. 

Nach dem Belegen mit Aluminium durch die Firma Kaltbrunner, damals noch in Herisau, wurde der fertige Spiegel in eine Leichtmetallmontierung eingebaut, welche von zwei Grenchner Mechanikern im Austausch gegen zwei weitere gleiche Spiegel gebaut worden war. Unsere Freude war riesig, als das fertige Teleskop auf der nahen Wiese stand und wir mit diesem erweiterten Auge, von Nachbarn und Freunden umgeben, den Sternenhimmel betrachteten. 

In den folgenden Jahren schliff mein Astrofan noch etliche Spiegel: Für die Feriensternwarte Carona die Optik einer Schmidtkamera, für sich eine Maksutow-Kamera, für die Sternwarte der Kantonsschule Solothurn einen 20er Newton und gemeinsam mit dem jungen Heini Schwarzentrub je einen 30-cm-Spiegel.

Natürlich interessierten sich auch bald einzelne seiner Schüler für dieses Hobby. Bei Geri bekamen sie Anleitungen und kontrollierten regelmässig mit der Messerschneideprobe den Fortschritt ihrer Arbeit. Einer dieser vom Schleiffieber Geplagten, Röbi Baggenstos, ist heute der Leiter der Kantisternwarte und Mitglied des Stiftungsrates der Jura-Sternwarte, ein anderer, Christoph Siegel, studierte an der Uni Bern Astrophysik.

Unsere kleinen Mädchen ahmten natürlich ihren Papa nach. Sie "schliffen" beim Essen mit dem Suppenteller auf dem Tisch herum. Nach dem Erlebnis einer Mondfinsternis begann die Älteste ihr eigenes Beobachtungsbuch. Immer wieder fragten sie nach den Aufnahmen der Sonnen-Finsternis, welche Geri 1961 von San Remo nach Hause gebracht hatte.

Wenn wir in die Ferien verreisten wurde stets auch ein kleineres Fernrohr ins Auto verladen. 
In Korsikas klaren Nächten reihten sich unsere Campingfreunde geduldig in die Warteschlange ein um den Mond und den Saturn zu betrachten.

Nach dem Bau unseres Einfamilienhauses, natürlich mit grosser Terasse, rückten manchmal an schönen Abenden die Schüler in Scharen an. Sie stellten ohne Scheu vor Blamage viele Fragen zur Astronomie. 

Geri konnte sich endlich eine Metalldrehbank leisten und verfertigte seither seine Instrumente zum grössten Teil selber. Er baute mehrere spezielle Sonnenteleskope. Oft rannten wir vom Mittagstisch weg um die Sonnenflecken oder die raschen Veränderungen der Protuberanzen zu sehen.
 
Durch Astrozeitschriften und Briefwechsel lernten wir viele gleich-gesinnte Menschen kennen. Bald besuchte uns ein schwedisches Ehe-paar namens Dahlmark. Lennart hatte sich spezialisiert auf Veränderliche Sterne, also solche die im Laufe der Zeit ihre Helligkeit variieren. Sie bauten in der Haute Provence ein kleines Landhaus und daneben natürlich eine Privatsternwarte. Per Wohnwagen campierten wir auf dem Gelände unserer Schweden und die Männer fotografierten nächtelang gemeinsam den Himmel. Geri hatte immer wieder das Glück für Lennart geeignete neue Instumente zu finden. 

Ein weiterer befreundeter Astrofan war Hans Vehrenberg aus Düsseldorf mit einer Sternwarte im Schwarzwald. Er animierte Geri mit ihm zusammen eine Fotosafari nach Südwestafrika, dem heutigen Namibia, zu unternehmen. Auf Walter Straubes Farm, hundert Kilometer von der Hauptstadt Windhoek entfernt, stellten sie ihre Instrumente auf, um den bei uns nicht sichtbaren Südhimmel zu fotografieren. Dies ist ein etwas schwieriges Unternehmen, braucht es doch unterschiedlich lange Belichtungszeiten und eine exakte Nachführung. Ich konnte nach ihrer Rückkehr wenigstens das Ergebnis sehen und war zufrieden, die Familie wieder vollständig zu betreuen. 

Aber das zweite Mal durfte ich mitreisen. Wir erlebten unvergessliche einsame Tage auf dem 
Gamsberg auf der Station des Max Planck Instituts. Da überhaupt keine Fremdlichter störten, verzauberten uns die südlichen Sternbilder. Tagsüber blickten wir vom Hochplateau aus in die zerklüftete dürre Namibwüste.

Hans Vehrenberg und Walter Straube,

1975: Hans Vehrenberg und Walter Straube, unser Farmer aus Namibia, beurteilen den entstehenden 
Neubau der Jurasternwarte.

Die folgende Astroreise führte uns per Campingbus von Johannesburg aus quer durch Südafrika. Jeden Abend übernachteten wir auf abenteuerlichen Plätzen. In Boyden, wo Hans Vehrenberg vor Jahren auf dem Observatorium gearbeitet hatte, gab es eine Enttäuschung. Der neue Direktor zeigte sich sehr zugeknöpft. Schliesslich fanden wir am Stausee des Pretorius-Naturschutzgebiets ein Bungalowdorf, wo es endlich möglich schien, einige Tage zu bleiben. Die Männer justierten ihre Instrumente, keine einfache Aufgabe ohne den Polarstern des Nordhimmels. Sie fotografierten jede Nacht.

Wieder zu Hause begann ein neues Kapitel Astronomie. Nach Heini Schwarzentrubs frühem und tragischen Tod kam sein 30er Spiegel durch Herrn Walter Blösch in die Obhut von Erich Wolf, der schon lange davon geträumt hatte eine kleine Astro-Beobachtungshütte zu bauen. Er nahm Kontakt auf mit Geri. Aus den anfänglich bescheidenen Plänen entwickelte sich nach und nach die Idee einer öffentlichen Volkssternwarte. Es wurde schliesslich daraus eine Stiftung, zusammen mit der Industrie, der Gemeinde, dem Kanton und vielen Gönnern. 

Geri kümmerte sich vor allem um die Instrumente, Erich um die Geldmittel. Der Architekt Ernst Schreiber entwarf den Hausplan. Es gab ein hartes Ringen um jede Einzelheit, weil der Berg als Juraschutzzone gesperrt ist für jegliches Bauen. Schliesslich konnte doch 1975 auf dem Untergrenchenberg der Aushub beginnen. Die Sternwarte sollte ein abfahrbares Dach erhalten. Die Westwand musste versenkbar sein, um möglichst viel freien Himmel zu gewinnen. 

Bald stand das Newton-Teleskop bereit. Im Sonnenlabor wurde eine optische Bank installiert, 
welche den leichten Wechsel verschiedener Zusatzgeräte ermöglichen konnte. Endlich rückte auch Hans Vehrenbergs grosse Schmidtkamera aus dem Schwarzwald an. Wir Frauen putzten alles und an der folgenden Einweihung hielt Hans Rohr als Generalsekretär der Schweizerischen Astronomischen Gesellschaft die Eröffnungsrede. 

Nun begannen nebenberuflich für die Männer wohl ausgefüllte Jahre mit unentgeltlichen Führungen. Lange hatten sie viel Freude mit Schulklassen, Vereinen und Einzelgruppen, aber selten auch kleinen Ärger mit anmassenden Besuchern. Auch Uni-Studenten und 
Kantonsschüler absolvierten Beobachtungsprogramme auf der Jurasternwarte. 

Mit der Zeit rückten jüngere Kräfte nach um den Betrieb aufrecht zu halten. Sie gründeten 1986 ihren Astroverein. Als alte Glass Widow nahm ich regen Anteil an allem. 

Mit der Schmidtkamera und dem Sonnenteleskop entstanden beachtliche Fotos. Geri erhielt dafür den Kulturpreis der Stadt Grenchen. Aber er sehnte sich danach seine Astronomie wieder ganz privat weiter zu führen. Weil wir oft bei unseren Schweden in der Haute Provence Ferien erlebten, hegte er den Wunsch ein Haus in deren Nähe zu finden. Nach der Pensionierung könnten wir so jederzeit dem rauhen Schweizerklima entfliehen. 

Es dauerte lange bis wir in Puimichel bei Sisteron eine ideale kleine Wohnung mit einer weiträumigen Terrasse beziehen konnten. Von ihr aus bewunderten wir oftmals im November den Sternschnuppenregen der Leoniden. 

1987: Dani Cardoen freut sich an seinem selbst geschliffenen Meter-Spiegel

1987: Dani Cardoen freut sich an seinem selbst geschliffenen Meter-Spiegel.

Im selben Dorf plante ein junges Paar aus Belgien eine Feriensternwarte. Geri suchte für Dany Cardoen welt-weit nach einem Rohglas für das vorgesehene 1-m-Teleskop. Schliesslich stand das riesige Fernrohr in seiner weissen Kuppel. Es erlaubte atemberaubende Beobachtungen von Kugelsternhaufen und Galaxien, aber der Traum eines Besucherobservatoriums erfüllte sich nicht. 
Er ging an den vielen kleinen Sorgen und Problemen des Alltags unter. 



Wir selbst begnügten uns mit unserer bescheidenen Beobachtungshütte aus Wellblech mitten in den Ginsterbüschen. 

Das Halley-Jahr 1986 brachte neue Impulse. Geri verreiste mit dem Schwedenpaar nach Namibia, während ich daheim das vierte Enkelkind begrüsste und meiner Tochter nach der Geburt beistand. 

In Gedanken weilte ich immer wieder bei meinem Sternengucker. Voller Elan kehrte er in die Schweiz zurück und verfasste mit seinem Aufnahmen und Berechnungen ein Büchlein "Begegnung mit Halley". Per Zufall las ich in der Zeitung einen Aufruf der Stiftung "Kreatives Alter", die nach Beiträgen von über 65-jährigen verlangte. Geri gewann mit seinem Halley-Bericht einen Hauptpreis. 

Vor Jahren half er dem Astroamateur Manuel Lopez-Alvarez aus Buenos Aires einen Fotografischen Atlas zur Hilfe bei der Suche von Supernovae zu realisieren. Auch er besuchte uns zweimal zusammen mit seiner Frau und wollte dabei natürlich ebenfalls die Jurasternwarte sehen.Wir empfangen auch heute noch gerne solch interessante Astrogäste.

Wir Alten freuen uns über die harmonische Arbeit des Astrovereins auf dem Grenchenberg. Geri hilft immer noch bei Reparaturen. Sie richteten zusammen an Stelle der Notbetten ein Labor für Vergrösserungen ein. 

Im Jahre 1997 wurde der alte Newton ausgewechselt gegen einen 50-cm-Cassegrain, der von 
unserem Freund Dany Cardoen gebaut wurde. Mit grosser Hingabe renovierten kürzlich einige 
Mitglieder des Astrovereins die Räume und die Umgebung der Sternwarte. 

Für mich, die "Widow", war der astronomische Höhepunkt der Komet Hale-Bopp. Geri brachte mir seine Fotos ins Krankenzimmer, wo sie vom Pflegepersonal und selbst vom Chefarzt bewundert wurden. 

In den vielen Jahren habe ich eine kleine Ahnung bekommen von den unendlichen Räumen des Weltalls. Als Glass Widow empfange ich immer wieder neue Anregungen. 


1951: Unser erstes Fernrohr. Am Okular Max Obrecht, der zukünftige Personalchef der Gemeinde Grenchen. Daneben Heini Schwarzentrub, dessen späterer 30er Spiegel die Urzelle der Jurasternwarte bildete.


1953: Das erste fotografische 15-cm Spiegelteleskop 
1:4 auf derselben Montierung mit Handantrieb.


1956: Unsere beiden ältesten Mädchen posieren vor dem 30-cm Fernrohr und einem kleineren 15er auf einer einfachen, praktischen Klavierstuhlmontierung.


15. Februar 1961: Die Sonnenfinsternis von 
San Remo, aufgenommen mit einem
10-cm Spiegelteleskop.

Lennart Dahlmark mit seiner Fotoausrüstung
Lennart Dahlmark mit seiner Fotoausrüstung zur 
Suche nach neuen Variablen.
Sein Lebenswerk: 
Über 400 Neuentdeckungen.


1975: Geri sitzt auf einem fremden Stern: Nämlich auf dem weltgrössten Eisenmeteoriten von 
60 t Gewicht auf der Farm Hoba in Namibia.

15. 5. 1976: Ein Autokran hievt die Montierung des 30-cm-Newton auf die Beobachtungsplattform
15. 5. 1976: Ein Autokran hievt die Montierung des 30-cm-Newton auf die Beobachtungsplattform

9. August 1975:   Erich Wolf beim ersten 
9. August 1975: Erich Wolf beim ersten 
Spatenstich für den Bau der Jurasternwarte.


2001: Die Verfasserin dieses Berichts 
vor der Kuppel des Meterteleskops.

1990: Manuel Lopez-Alvarez aus Buenos Aires 
1990: Manuel Lopez-Alvarez aus Buenos Aires 
auf der Beobachtungsleiter der Jurasternwarte.

1993: Unsere Cabane in Puimichel
1993: Unsere Cabane in Puimichel ermöglicht den wahlweisen Aufbau verschiedener Instrumente.
 Hier ein 20-cm Newton.

 
     
hugo jost

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