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Glass Widow
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| Eine nostalgische Rückschau rings um die Entstehungsgeschichte der Jurasternwarte von Theres
Klaus. Diesen Titel muss ich erklären, weil er aus den USA stammt. In den 50er Jahren entwickelte sich das Selberschleifen von Fernrohrspiegeln zur Sucht. Die Männer beschäftigten sich monatelang damit, während ihre Frauen sich als Widows = Witwen fühlten. Das erlebte auch ich hautnah und könnte diesen Ausdruck leicht noch erweitern auf Teleskop- Widow. Geri erzählte mir, dass er mit 13 Jahren die deutsche Ausgabe von Newcombs "Astronomie für Jedermann" gelesen habe. Anschliessend bastelte er sein erstes Fernröhrchen aus Meccanoteilen, einer ausziehbaren Federschachtel, einem Brillenglas und dem Okular seines billigen Schülermikroskops. Damit waren immerhin schon die Mondkrater, die vier hellen Monde des Jupiters und andeutungsweise der Ring des Saturn zu erkennen. Frisch verheiratet missbrauchte er unser zukünftiges Kinderzimmer als Atelier. In die Mitte stellte er eine hohe Kiste. Darauf schliff er seinen ersten optischen Spiegel nach dem Anleitungsbüchlein von Hans Rohr. Stunden-lang kreiste er um diesen "Tisch", schob zwei runde Glasscheiben aufeinander, mit Karborundum dazwischen und später die obere allein mit Polierrot auf einer präparierten Pechhaut hin und her. Nach dem Belegen mit Aluminium durch die Firma Kaltbrunner, damals noch in Herisau, wurde der fertige Spiegel in eine Leichtmetallmontierung eingebaut, welche von zwei Grenchner Mechanikern im Austausch gegen zwei weitere gleiche Spiegel gebaut worden war. Unsere Freude war riesig, als das fertige Teleskop auf der nahen Wiese stand und wir mit diesem erweiterten Auge, von Nachbarn und Freunden umgeben, den Sternenhimmel betrachteten. In den folgenden Jahren schliff mein Astrofan noch etliche Spiegel: Für die Feriensternwarte Carona die Optik einer Schmidtkamera, für sich eine Maksutow-Kamera, für die Sternwarte der Kantonsschule Solothurn einen 20er Newton und gemeinsam mit dem jungen Heini Schwarzentrub je einen 30-cm-Spiegel. Natürlich interessierten sich auch bald einzelne seiner Schüler für dieses Hobby. Bei Geri bekamen sie Anleitungen und kontrollierten regelmässig mit der Messerschneideprobe den Fortschritt ihrer Arbeit. Einer dieser vom Schleiffieber Geplagten, Röbi Baggenstos, ist heute der Leiter der Kantisternwarte und Mitglied des Stiftungsrates der Jura-Sternwarte, ein anderer, Christoph Siegel, studierte an der Uni Bern Astrophysik. Unsere kleinen Mädchen ahmten natürlich ihren Papa nach. Sie "schliffen" beim Essen mit dem Suppenteller auf dem Tisch herum. Nach dem Erlebnis einer Mondfinsternis begann die Älteste ihr eigenes Beobachtungsbuch. Immer wieder fragten sie nach den Aufnahmen der Sonnen-Finsternis, welche Geri 1961 von San Remo nach Hause gebracht hatte. Wenn wir in die Ferien verreisten wurde stets auch ein kleineres Fernrohr ins Auto verladen. In Korsikas klaren Nächten reihten sich unsere Campingfreunde geduldig in die Warteschlange ein um den Mond und den Saturn zu betrachten. Nach dem Bau unseres Einfamilienhauses, natürlich mit grosser Terasse, rückten manchmal an schönen Abenden die Schüler in Scharen an. Sie stellten ohne Scheu vor Blamage viele Fragen zur Astronomie. Geri konnte sich endlich eine Metalldrehbank leisten und verfertigte seither seine Instrumente zum grössten Teil selber. Er baute mehrere spezielle Sonnenteleskope. Oft rannten wir vom Mittagstisch weg um die Sonnenflecken oder die raschen Veränderungen der Protuberanzen zu sehen. Durch Astrozeitschriften und Briefwechsel lernten wir viele gleich-gesinnte Menschen kennen. Bald besuchte uns ein schwedisches Ehe-paar namens Dahlmark. Lennart hatte sich spezialisiert auf Veränderliche Sterne, also solche die im Laufe der Zeit ihre Helligkeit variieren. Sie bauten in der Haute Provence ein kleines Landhaus und daneben natürlich eine Privatsternwarte. Per Wohnwagen campierten wir auf dem Gelände unserer Schweden und die Männer fotografierten nächtelang gemeinsam den Himmel. Geri hatte immer wieder das Glück für Lennart geeignete neue Instumente zu finden. Ein weiterer befreundeter Astrofan war Hans Vehrenberg aus Düsseldorf mit einer Sternwarte im Schwarzwald. Er animierte Geri mit ihm zusammen eine Fotosafari nach Südwestafrika, dem heutigen Namibia, zu unternehmen. Auf Walter Straubes Farm, hundert Kilometer von der Hauptstadt Windhoek entfernt, stellten sie ihre Instrumente auf, um den bei uns nicht sichtbaren Südhimmel zu fotografieren. Dies ist ein etwas schwieriges Unternehmen, braucht es doch unterschiedlich lange Belichtungszeiten und eine exakte Nachführung. Ich konnte nach ihrer Rückkehr wenigstens das Ergebnis sehen und war zufrieden, die Familie wieder vollständig zu betreuen. Aber das zweite Mal durfte ich mitreisen. Wir erlebten unvergessliche einsame Tage auf dem Gamsberg auf der Station des Max Planck Instituts. Da überhaupt keine Fremdlichter störten, verzauberten uns die südlichen Sternbilder. Tagsüber blickten wir vom Hochplateau aus in die zerklüftete dürre Namibwüste.
Die folgende Astroreise führte uns per Campingbus von Johannesburg aus quer durch Südafrika.
Jeden Abend übernachteten wir auf abenteuerlichen Plätzen. In Boyden, wo Hans
Vehrenberg vor Jahren auf dem Observatorium gearbeitet hatte, gab es eine
Enttäuschung. Der neue Direktor zeigte sich sehr zugeknöpft. Schliesslich
fanden wir am Stausee des Pretorius-Naturschutzgebiets ein Bungalowdorf, wo es endlich möglich schien, einige Tage zu bleiben. Die Männer justierten ihre
Instrumente, keine einfache Aufgabe ohne den Polarstern des Nordhimmels. Sie fotografierten jede
Nacht.
Im selben Dorf plante ein junges Paar aus Belgien eine
Feriensternwarte. Geri suchte für Dany Cardoen welt-weit nach einem Rohglas für das vorgesehene 1-m-Teleskop.
Schliesslich stand das riesige Fernrohr in seiner weissen Kuppel. Es erlaubte atemberaubende
Beobachtungen von Kugelsternhaufen und Galaxien, aber der Traum eines Besucherobservatoriums erfüllte sich nicht.
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